Beitragsseiten

 

 

Uli Otto, Thomas Otto, Eginhard König, Helmut Köppl, Wolfgang Nowak, Dieter Groß, Gerlinde Reimann, Georg Balling, Manfred Langer, Andreas Lechner, Markus Mayer, Ali Stadler, Reinhold Wittke

 

 

 „Wackersdorf “-Lieder

Lieder aus dem oberpfälzer Widerstand der 1980er Jahre

 

Fundus Lieder gegen die WAA

 

 

In diesem Kapitel wollen wir wenigstens ansatzweise einen Querschnitt durch die Lieder und Musikstücke bieten, die in den 1980er Jahren von verschiedenen Musikern und Musik­gruppen bei zahllosen Anti-WAA-Veranstaltungen und ähnlichen Events in der Umgebung des damaligen Baugeländes im Raum Wackersdorf vorgestellt wurden. Kernpunkt der damali­gen politischen Auseinandersetzungen in der Oberpfalz war die geplante und mit Milliarden­aufwand bereits halb fertig gestellte atomare Wieder-Aufbereitungs-Anlage (WAA) bei Wa­ckersdorf. Seit dem Ende der WAA-Planungen sind Anti-WAA-Lieder zu historischen Liedern geworden, nicht mehr tauglich in der aktuellen politischen Auseinandersetzung, stattdessen jetzt aber zeitgeschichtliche Dokumente, Zeugnisse der Mentalitätsgeschichte. Dabei weisen Lieder nicht nur dann einen politischen Charakter auf, wenn sich ihre Texte auf einen konkre­ten politischen Hintergrund oder Anlass beziehen. Vielmehr kommt es immer auch auf den jeweiligen Kontext an, in welchem sie stehen und etwa aufgeführt werden. Auf diese Weise kann sogar aus einem von seinem Inhalt her vermeintlich völlig unpolitischen ein „politisches Lied“ werden, wenn es in einer bestimmten Situation gesungen wird. Und dies gilt natürlich auch für reine Instrumentalstücke.

Der Bau der WAA hat sich damals durchaus befruchtend auf die Volksmusikproduktion ausgewirkt. Eine besondere Rolle spielte dabei für unsere Region die Regensburger Gruppe „d’Nussgackl“, die ihren Namen vom Eichelhäher herleitet. In einer ironischen Selbstbeschrei­bung der Gruppe heißt es: „Als Nussgackl wird in der nördlichen Oberpfalz der Eichelhäher bezeichnet. Dieser Nussgackl, ein schöner, bunter Vogel, fällt weder durch große Nützlichkeit, noch durch schönen Gesang, noch durch wilden Kampfesmut auf. Er macht sich lediglich mit durchdringendem, hartnäckigem Protestgeschrei bemerkbar, wenn einer in sein Revier ein­dringt, den er dort nicht gern sieht“.

Die „Nussgackl“ waren von Anfang an konsequente Gegner der Atomfabrik, eindeutig in der politischen Aussage; sie wählten ebenso den gewaltfreien Weg, kämpften mit Gitarre und Hackbrett, mit Saubass, Brummtopf und Bauernterz. Sie sangen und spielten gegen die WAA im Hüttendorf, auf dem internationalen Anti-WAA-Folk-Festival, bei den WIDERHALL-Veran­staltungen in Regensburg und auf vielen anderen Konzerten bei vielen Gelegenheiten. Die Gruppe war in den 1980er Jahren nicht nur in der oberpfälzischen Donaumetropole überaus beliebt und bekannt, wenn sie heute auch – zumindest was eine breitere Öffentlichkeit anbe­langt – weitgehend vergessen ist.

 Dabei boten bayerische Gruppen wie „d’Nussgackl“, die „Mehlprimeln“, die „Bier­mösl-Blosn“, die „Guglhupfa“ in guter „Volkssängertradition“ eben „kein romantisches und geschöntes Bild der Realität, wenden sich gegen Großbauprojekte (wie z.B. Flughafenbau im Erdinger Moos, Rhein-Main-Donaukanal im Altmühltal). Weitere Themen der Gruppen sind die möglichen Gefahren der Atomkraft bzw. der geplanten  Wiederaufarbeitungsanlage im oberpfälzischen Wackersdorf sowie die beständige Hochrüstung in Ost und West. Daneben kritisieren sie den Massentourismus mit seinen negativen Auswirkungen für die heimische Be­völkerung, Bodenspekulantentum und Wohnungsnot, Ausländerfeindlichkeit, Neonazismus, obrigkeitsstaatliche Strukturen und Untertanenmentalität. Nicht zuletzt die Bonner Gescheh­nisse der letzten Zeit, die Affären um Flick, Wörner/Kießling, Schwarz-Schilling und andere mehr bieten den Gruppen reichlich Anlass zur Kritik und Stoff zur kritisch-musikalischen, sati­rischen Verarbeitung“ gerade bei Anti-WAA-Veranstaltungen nicht nur in der Oberpfalz. Bei diesen genannten Formationen bestand „die direkte Verbindung (…) zur Volksmusik bzw. zum Volkslied (…), da überlieferte, authentische Melodien – wenn auch nicht ausschließlich, so doch meistens – verarbeitet werden; dies natürlich kein Wunder, da die meisten ihrer Musi­kanten“, zumindest im Fall der ‚Biermösl Blosn‘ und der ‚Guglhupfa‘, „schon von ihrer famili­ären Herkunft her in einer volks-musikalischen Tradition stehen. Auch das von den Gruppen benutzte Instrumentarium entstammt größtenteils dem Bereich der bayerischen Volksmusik, sieht man von einigen seltener eingesetzten Instrumenten wie Bodhran (=irische Handtrom­mel), Banjo oder Tin-Whistle ab. Die Auftritte der Gruppen mit ihrem neuen Repertoire erfol­gen wohl selten bei Sänger- und Musikantentreffen, sondern weitaus öfter auf Kleinkunstbüh­nen und bei politischen Veranstaltungen“ und Demonstrationen, wobei die Musiker wie viele andere ihrer Kollegen auch ganz bewusst während der Platzbesetzungen im Hüttendorf oder bei verschiedenen Anti-WAA-Festivals auftraten.

 


 

Die „Nussgackl“-Lieder sowie die Texte der Lieder, die seinerzeit von den Geschwistern Winterer aus dem Raum Schwandorf gesungen wurden, wurden dabei schon damals von ver­schiedenen Gewährsleuten mehr oder weniger systematisch gesammelt, etwa von Manfred Langer und Alfred Wolfsteiner aus Schwandorf und Uli Otto aus Regensburg, dsgl. von Egin­hard König, der anlässlich einer Gedenkfeier für Otto Schricker, der im Jahr 2003 gestorben war, ein kommentiertes „Nussgackl“-Liederbuch zusammengestellt hat und seine Kommen­tare auch in dieses Kapitel der Website mit hat einfließen lassen. König hatte seit Wackers­dorf-Zeiten engere Kontakte zu Otto Schricker, und er war oftmals auch ein wichtiger Lieferant für historische und politische Sachverhalte, die mit in Otto Schrickers Texte eingeflossen sind. Martina Forster, die mit Eginhard König, Uli Otto, Otto Schricker und anderen zusammen auch schon am „Regensburg Liederbuch“ mitgearbeitet hatte, hatte sich damals dankenswerter­weise der Mühe unterzogen, die Melodien der „Nussgackl“-Lieder zu notieren und ihnen die aktuellen Texte zu unterlegen. Und Thomas Otto hat sich im Vorfeld unserer Webpage-Her­ausgabe ebenfalls einer Notierung der Noten unterzogen. Doch haben wir hier auf die Texte unmittelbar unterhalb der Noten verzichtet.

 Aus dem direkten geografischen Umfeld von Wackersdorf waren es vor allem die oben erwähnten Winterer-Schwestern, die – ursprünglich zusammen mit ihrem Vater – viele Lie­der zur sie ja direkt betreffenden WAA-Thematik sangen, die dabei oftmals der Feder von Franz Vohburger, damals Pressesprecher des SPD-Landrats Schuierer, einer Symbolfigur des Widerstandes, entstammten. Leider existieren von den Liedern der Geschwister Winterer of­fensichtlich keinerlei Tonträger aus jenen Jahren. Wie hierzu seitens der Gruppe selbst in einer E-Mail vom 20.04.2013 auf eine diesbezügliche Anfrage hin mitgeteilt wurde, „können wir Ihnen mit Tonträgern der Geschwister Winterer, soweit es die Anti-WAA-Gegnerschaft betrifft, nicht helfen. Bei angesagten Kundgebungen und Demos waren ‚die friedlichen Demonstran­ten‘ bei den damaligen Medien überhaupt nicht gefragt. Und somit gibt es aus dieser Richtung nichts zu finden, was von Interesse wäre. Die damaligen Berichterstatter stürzten sich wort­wörtlich stets auf einige, öffentlich wirksam schwarzgekleidete Randalierer und warteten auf deren Aktionen. Ab und zu übertraf die Anzahl der Medien die der Schwarzgekleideten. Um den damaligen riesigen Polizeieinsatz zu begründen, waren fried-liche Aktionen uninteres­sant. Und wenn was nicht passte, wurde es passend gemacht, indem man Geschehen aus dem Zusammenhang nahm und manchmal sehr dubiose Kommentare zu den Aktionen brachte. In unseren Augen von oben gesteuert. Wie Herr Vohburger Ihnen bestimmt mitgeteilt hat, sind sämtliche Unterlagen der WAA-Gegner zur Zeit im Staatsarchiv gelagert und können dort ein­gesehen werden. Tut uns leid, dass wir Ihnen nicht mehr helfen können!“

Die Winterers und ihre Liedlieferanten kamen damals vermutlich auch überhaupt nicht auf den Gedanken, ihre Anti-WAA-Lieder irgendwie auf Tonträgern festzuhalten. Mehr noch als bei vielen anderen der von uns zusammengetragenen Musiker und Musikgruppen zählte ihr damaliger musikalischer Einsatz zum „normalen Alltag“ der Gruppe, die ja im direkten Umfeld der geplanten WAA lebte. Und dieser „Alltag“ musste damals schlicht und einfach „bewältigt werden“ und schien seinerzeit schwerlich erinnernswert. Immerhin wurden einige der dama­ligen Lieder aber anlässlich der Vorstellung eines Liederbuchs mit historischen Liedern der Oberpfalz, die Manfred Langer und Alfred Wolfsteiner publiziert hatten, 2003 in einer Abend­schausendung des Bayerischen Fernsehens ausgestrahlt.

Sodann sollen auch die Lieder der Regensburger Folk-Formation „Anonym“ vorgestellt wer­den, wobei die Musiker der Gruppe zunächst fast ausschließlich historisch-politische Lieder des 18. und 19. Jahrhunderts im Repertoire hatten und sich – und hier sei vor allem Clemens M. Peters genannt – erst allmählich neuen Inhalten, so der WAA-Thematik zuwandten und einzelne Lieder dementsprechend aktualisierten, nachdem es ihnen vorher fast ausschließ­lich darum gegangen war, an demokratische (Lied-)Traditionen zu erinnern und auf amüsante Weise Geschichtsunterricht zu betreiben. „Anonym“ kann dabei bzgl. der Anfänge der For­mation als geradezu prototypisch für die damaligen Folkrevival-Gruppen angesehen werden, wie David Robb beschreibt: „For the Folk and Protest Song Movement of both East and West Germany, the song heritage of the Vormärz and the revolution of 1848 was a point of cultural and social identification- Two clear narratives emerge in these songs: first, that of rebellion linked to an utopian idealism, and second, that of defeat and retreat. (…) Almost 120 years after they werde first composed, played and sung, the Vormärz and 1848 songs were revived in the West German folk scene; a decade later they were revived in the West German folk sce­ne; a decade later they were revived once more in the GDR”. Und an anderer Stelle schrieb David Robb: „Verfolgt man die Geschichte des politischen Liedes in Deutschland, so ist seit den frühen sechziger Jahren ein erneutes Interesse an den Liedern des Vormärz und der Revolu­tion 1848 in Westdeutschland festzustellen. Die Faszination gerade an den 1848er-Liedern gründete an der Entdeckung von etwas Neuem: Einer Tradition oppositioneller Popularmusik. Beispiele dieser Liedtradition waren in Wolfgang Steinitz‘ Werk Deutsche Volkslieder demo­kratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten vorgestellt worden8 oder man fand sie auf originalen Flugschriften oder in Archiven. Dort haben Sänger aus der Jugendbewegung wie Peter Rohland und die Brüder Kröher nach dem Zweiten Weltkrieg geforscht und sich daran gemacht, das verlorene Kulturerbe des deutschen Volksliedes, das von den Nazis missbraucht worden war, zurückzugewinnen“.

 


 

 

Bernd Hanneken charakterisiert die Entwicklung des daraus resultierenden Deutschfolk-Revivals der 1970er/80er Jahre wie folgt: „Dieses Folkrevival hatte eine deutliche politische Grundierung; es wäre in dieser Form nicht denkbar gewesen, hätten nicht parallel dazu die aktuellen sozialen Bewegungen diese Themen politisch beglei­tet und diskutiert. Abrüstungs- und Anti-AKW-Debatten, Umwelt, Frauenrechte sind hier nur Stichpunkte, die man auch so benennen kann: In den siebziger Jahren gab es das Folkrevival und in dieser Zeit entstanden die Grünen. Beide begleiteten sich aufs Vorzüglichste und so ist es kein Wunder, dass sich bei einer Untersuchung Anfang der (19)90er Jahre über 90% der Leser der Szene-Zeitschrift Michel als Anhänger bzw. Wähler der Grünen outeten. (Allerdings waren und sind nicht 90% der Grünen Folkies! (Das Repertoire der Folkgruppen der siebziger (und achtziger) Jahre bestand vielfach aus sozialkritischen Liedern; der „Steinitz“ war sozusa­gen die Bibel und auch das Feindbild war klar: es hieß Heino oder Ernst Mosch und die Eger­länder. Hätten wir damals gewusst, dass Heino der Lieblingssänger unseres Lieblingskanzlers Willy Brandt war und dass Heino selbst auch SPD wählte – es wäre eine Welt eingestürzt.“

 Im Gegensatz zu den „Nussgackl“, der Familie Winterer sowie zur „Regensburger Bordun­musik“ schöpfte „Anonym“ musikalisch zumeist nicht aus ostbayerischen Liedquellen, son­dern bediente sich aus dem reichen Schatz des „gesamtdeutschen Volksliedes“, wobei die Gruppe sich stilistisch nicht zuletzt lange Zeit vor allem an Vorbildern von der Grünen Insel, d.h. vor allem an der irischen Gruppe „Planxty“ orientierte. Ebenso wie die „Nussgackl“ und die „Regensburger Bordunmusik“ war „Anonym“ im Hüttendorf und auf vielen Demonstratio­nen gegen die WAA sowie die Nachrüstung aktiv. Aufgrund ihrer Initiative und vielfachen Kon­takte zu anderen Gruppen kam es seinerzeit zum ersten internationalen Anti-WAA-Folkfesti­val, da sie mit vielen der – z.T. damals recht bekannten - Kollegen des Folkrevivals bekannt, ja oftmals befreundet waren. Es war vor allem Uli Otto, seinerzeit Mitbegründer der Formation, der die Texte der „Anonym“-Lieder gesammelt, die Zusammenstellung besorgt und die dies­bezüglichen Kommentare verfasst hat.

Zu den absoluten Top-Favoriten und Vorbildern der Regensburger Musiker von „Anonym“ gehörten nicht zuletzt die Freunde und Kollegen der renommierten Hamburger Deutsch­folk- und Musikkabarettgruppe „Liederjan“, die Mitte der 1970er Jahre aus den „Tramps & Hawkers“ hervorgegangen war. „Liederjan“ weist insofern eine sehr interessante Entwicklung auf, als sich aus einer ursprünglich „reinen Folkformation“ allmählich eine Musikkabarettgrup­pe herausbildete, nachdem die Musiker der Formation immer mehr eigene Lieder zu aktuel­len Themen zu schreiben begannen. So wirkte „Liederjan“ immer auch stilbildend sowie auf das Repertoire vieler bundesdeutscher Gruppen aber auch von Kollegen in der damaligen DDR. Die Kollegen von „Anonym“ aber auch anderer Gruppen haben sich immer wieder des Repertoires von „Liederjan“ bedient, um ihren Liederfundus zu erweitern Die „Liederjans“ ih­rerseits sahen es seinerzeit als Ehre und Verpflichtung an, Anfang Mai 1986 nach Wackersdorf zu kommen und am Festival teilzunehmen, wo ihr Auftritt zu einem unbestreitbaren Highlight des Festivals geriet, zumal Jörg Ermisch, Anselm Noffke und Rainer Prüss nicht bloß brillante Musiker waren, sondern es auch mit ihren lustigen Kommentaren zwischen den vorgestellten Liedern schafften, die Stimmung auf dem Höhepunkt zu halten und das Publikum zu amü­sieren und zu begeistern. Anselm, Jörg und Rainer zählten auch zu den bescheidensten und kollegialsten Musikern der damaligen Szene, die durch ihr unprätentiöses und bescheidenes Verhalten viele Kollegen als Freunde gewannen. Leider lagen uns keine „Live-Aufnahmen“ des damaligen Auftritts von „Liederjan“ vor, weswegen wir unsere Liedbeispiele von den da­maligen Tonträgern des Trios entnommen haben, um diese Lieder hier vorstellen zu können und einen Eindruck vom damaligen Repertoire der Gruppe zu vermitteln, zumal die Gruppe heute trotz ihres damaligen Einflusses und Vorbildcharakters - zumindest in Süddeutschland – leider wieder weitgehend unbekannt und vergessen ist. Daneben konnten wir auf eine Jubi­läums-DVD11 von „Liederjan“ zugreifen und einige der damaligen Lieder mit in die vorliegen­de Sammlung einfließen lassen. Sie zeigen und charakterisieren Live-Auftritte der Kollegen in jenen Jahren, die vorbildhaft für viele der damaligen Kollegen waren.

Auch einige Lieder von Hein und Oss Kröher, in den 1960er Jahren Mitbegründer der le­gendären Waldeck-Festivals und „Stammväter“ des deutschen Folkrevival ab Ende der 1960er Jahre/Anfang der 1970er Jahre, flossen zumindest mit Noten- und Schriftbild mit in unsere Liedzusammenstellung ein. Die Kröhers nahmen dankenswerterweise am 03./04. Mai eben­falls am „Folk-Festival gegen die WAA“ teil und weilten in den darauffolgenden Jahren mehr­fach auch im Schloss Wiesenfelden, einem damaligen Zentrum des Bund Naturschutz, wo sie Freundschaft mit Hubert und Beate Weinzierl geschlossen hatten. Auch die Kröhers und ihre Lieder dürfen hier also nicht unerwähnt bleiben.

Daneben wurden uns auch einige Live-Aufnahmen der damaligen Auftritte der „Liederbay­ern-Band“ sowie der „Mehlprimeln“ vor allem durch Helmut Köppl zugänglich gemacht, der die Auftritte dieser Gruppen seinerzeit mitschneiden konnte, diese Aufnahmen bei Durchsicht seiner Materialien im Herbst 2013 fand und für unsere Zwecke zur Verfügung stellte. War die niederbayerische „Liederbayern-Band“ eine eher kurzzeitig existierende Formation, zählen die „Mehlprimeln“ zu den ältesten Folkformationen Bayern, die zahllose Kollegen beeinflusst haben und durch ihre Auftritte mit Dieter Hildebrandt und anderen Kabarettisten auch einen überregionalen Bekanntheitsgrad erlangten. Unseres Wissen sind die „Mehlprimeln“ – und dies übrigens wie „Liederjan“ – auch heute noch aktiv.

 


 

Andere Aufnahmen stellte uns Herbert Grabe von „Erde und Wind“ zur Verfügung, der sie seinerzeit wiederum von Ollie Scheuerer erhalten hatte – etwa von Gerhard Polt und der „Biermösl-Blosn“,, die sehr oft in und um Wackersdorf auftraten und etwa auch das Kultur­fest während der Platzbesetzung am 05. Januar 1986 künstlerisch gestalteten, wobei sie am selben Abend noch im Münchner Residenztheater aufzutreten hatten. Überregional, ja so­gar national bekannt wurde die „Biermösl Blosn“ dann nicht zuletzt aufgrund ihres Auftrittes auf dem großen WAAhnsinnsfestival im Sommer 1986, wo ca. 120.000 Zuhörer ihrem Beitrag lauschten und diesen frenetisch bejubelten.

 Herbert Grabe verdanken wir auch einige Kinderlieder, mit denen sich Imogen Pfarr-Otto von den „Müttern gegen Atomkraft“ während Demonstrationen und Festen gegen die WAA sei­nerzeit der anwesenden Kinder annahm und diese beschäftigte, indem sie Lieder mit ihnen sang.

 In der Oberpfalz und in Sachen „Anti-WAA-Bewegung“ waren vor allem auch die „Guglhup­fa“ aus München immer wieder sehr aktiv präsent, eine der innovativsten, phantasievollsten und engagiertesten Folkgruppen jener Jahre. Sie nahmen engagiert Teil am Anti-WAA-Folkfes­tival bei Wackersdorf Anfang Mai 1986, aber auch an zahllosen anderen Anti-WAA-Veranstal­tungen jener Jahre nicht nur in der Oberpfalz. Aus ihrem Repertoire wollen wir aus diesem Grund mehrere Lieder vorstellen, um ihrer damaligen Rolle wenigstens in Ansätzen gerecht zu werden.

Vor allem der Instrumentalmusik aus dem ostbayerisch-böhmischen Raum widmeten – und widmen sich bis heute – die Freunde und Kollegen der „Regensburger Bordunmusik“, die daneben aber immer auch für andere Projekte offen waren und beispielsweise die Kollegen von „Anonym“ bei einigen Studioaufnahmen unterstützten und mit Letzteren auch desöfte­ren gemeinsam auftraten, so etwa bei den immerhin WIDERHALL-Veranstaltungen, einem Deutschfolk-Festival in Regensburg. Auch die „Borduner“ waren im Widerstand sehr aktiv und haben – zum Teil auch zusammen mit befreundeten Kollegen, hier etwa Richard Vogl von den „Roten Hanikl“ - seinerzeit auch in „Wackerland“, d.h. im damaligen Hüttendorf gespielt. Nicht zuletzt von daher erscheint geboten, einige ihrer Lieder aus dem damaligen Repertoire auch mit Notenbild und Hörbeispielen vorzustellen.

 Gleiches gilt für die „Frauenhofer Saitenmusik“ aus München, die – wie die Regensburger Bordunmusik – nicht nur beim Anti-WAA-Folkfestival 1986 auftraten, sondern sich auch bei sehr vielen anderen Gelegenheiten im gesamten ostbayerischen Raum, aber auch im benach­barten Ausland, etwa in Salzburg gegen die WAA positionierten.

Daneben haben wir hier auch ein paar der Lieder der „Kumpfmühler Sänger“ zusammenge­stellt, einer traditionell orientierten Gesangsgruppe, die sich vor allem dem alten oberpfälzer Liedgut – hier oftmals religiösen Charakters - gewidmet hatte, sich aber seinerzeit ebenfalls entschieden gegen die Nachrüstungspläne zu Anfang der 1980er Jahre und ab Mitte des Jahr­zehnts gegen den Bau einer WAA wandte und dies auch in öffentlichen Auftritten entschieden kundtat, so immer wieder auch am Franziskus-Marterl in der Nähe des Baugeländes.

Außerdem finden sich in unserer Sammlung auch einige Liedbeispiele anderer Liederma­cher und Textdichter, die sich damals ebenfalls kritisch und ablehnend zur WAA äußerten und mit ihren Liedern offen Stellung bezogen.

Last not least stellen wir hier auch das Liedrepertoire der Regensburger Punk-Band „Tango Pervers“ vom Samstag, 29.11.1986 in wenigstens einem Liedbeispiel vor, als die Formation an­lässlich des damaligen BIWAK-Kongresses auf einem Fest in der Regensburger RT-Halle auftrat. In den 1980er Jahren war Punk die dominierende Kultur in den meisten autonomen Zentren. In Regensburg waren es Christoph Maltz, Anton „Judy“ Seutter und Andreas Müller, die sich in der obigen Punk-Formation zusammenfanden und hierbei auch aktiv gegen die WAA in Wackersdorf engagierten.

Eingeflossen sind in unsere Liedzusammenstellung daneben auch wenigstens einige der Lieder, die während des großen (5.) WAAhnsinnsfestivals (1986) zu hören waren, sowie Lieder von Musikern, die auf anderen der insgesamt 7 WAAhnsinnsfestivals (1982-1989) dargeboten wurden, soweit sie uns von den damaligen Liedermachern oder Interpreten zur Verfügung gestellt wurden.

Wenigstens Erwähnung finden sollen an dieser Stelle die Lieder der Geschwister Winterer von einem Tonträger aus dem Besitz von Wolfgang Nowak sowie eine Kassette mit Aufnahmen der beiden Schwestern von einem Auftritt im Staatsarchiv Amberg. Diese Lieder sind aber zum Großteil identisch mit denjenigen, die wir unter dem Namen der Geschwister Winterer im Fundus/Archiv abgedruckt haben.

Leider lagen / liegen uns bis heute viele Lieder anderer damaliger Aktivisten nicht vor, wes­wegen sie hier (noch) keine Vorstellung finden konnten. Doch erlaubt eine Website – anders als andere Veröffentlichungsformen - ja eine ständige Erweiterung, Ergänzung und Fortschrei­bung, weswegen hier im Lauf der Zeit durchaus weitere Noten-/Text- und Hörbeispiele ein fließen können. Dies hängt aber im Wesentlichen von Zusendungen weiterer Musiker oder Sammler ab.

 


 

 

Thomas Otto, bis 2014 einer der Musiker der „Passepartout GmbH“, hat sich dankenswer­terweise der Mühe unterzogen, ein einheitliches Notenbild für die meisten der hier zusam­mengetragenen Lieder zu erstellen. Und vor allem Helmut Köppls unermüdlicher Aufnahme­tätigkeit schon zu Wackersdorf-Zeiten ist es zu verdanken, dass uns heute auch zahlreiche Tondokumente vor allem der „Nussgackl“, von „Anonym“, der „Liederbayernband“ und der „Mehlprimeln“ sowie der „Regensburger Bordunmusik“ vorliegen, die man hier anhören kann, zumal Köppl die damals von ihm aufgenommenen Tonbänder und Kassetten inzwischen auch digitalisiert hat.

Dabei beschränken wir uns – sowie schon bei der Vorstellung von Musikern – im Wesent­lichen auf damals aktive WAA-Gegner vor allem aus der Region, die nicht ausschließlich ein eventuelles „Forum“ für Auftritte suchten, sondern auch am alltäglichen Widerstand aktiv teilhatten. Bei auswärtigen Künstlern oder wo keine Kontaktaufnahmen möglich waren oder keine Rückmeldungen erfolgten, haben wir aber bei der Musikerzusammenstellung aber zu­mindest auf deren Tonträger hingewiesen und – wo möglich – einen Link zu deren Websites gelegt.

 

Anmerkungen mit Fußnoten sind im Einleitungskapitel 4, "Wackersdorf"-Lieder (pdf) zu finden.