Beitragsseiten

 

 

Bernd Hanneken charakterisiert die Entwicklung des daraus resultierenden Deutschfolk-Revivals der 1970er/80er Jahre wie folgt: „Dieses Folkrevival hatte eine deutliche politische Grundierung; es wäre in dieser Form nicht denkbar gewesen, hätten nicht parallel dazu die aktuellen sozialen Bewegungen diese Themen politisch beglei­tet und diskutiert. Abrüstungs- und Anti-AKW-Debatten, Umwelt, Frauenrechte sind hier nur Stichpunkte, die man auch so benennen kann: In den siebziger Jahren gab es das Folkrevival und in dieser Zeit entstanden die Grünen. Beide begleiteten sich aufs Vorzüglichste und so ist es kein Wunder, dass sich bei einer Untersuchung Anfang der (19)90er Jahre über 90% der Leser der Szene-Zeitschrift Michel als Anhänger bzw. Wähler der Grünen outeten. (Allerdings waren und sind nicht 90% der Grünen Folkies! (Das Repertoire der Folkgruppen der siebziger (und achtziger) Jahre bestand vielfach aus sozialkritischen Liedern; der „Steinitz“ war sozusa­gen die Bibel und auch das Feindbild war klar: es hieß Heino oder Ernst Mosch und die Eger­länder. Hätten wir damals gewusst, dass Heino der Lieblingssänger unseres Lieblingskanzlers Willy Brandt war und dass Heino selbst auch SPD wählte – es wäre eine Welt eingestürzt.“

 Im Gegensatz zu den „Nussgackl“, der Familie Winterer sowie zur „Regensburger Bordun­musik“ schöpfte „Anonym“ musikalisch zumeist nicht aus ostbayerischen Liedquellen, son­dern bediente sich aus dem reichen Schatz des „gesamtdeutschen Volksliedes“, wobei die Gruppe sich stilistisch nicht zuletzt lange Zeit vor allem an Vorbildern von der Grünen Insel, d.h. vor allem an der irischen Gruppe „Planxty“ orientierte. Ebenso wie die „Nussgackl“ und die „Regensburger Bordunmusik“ war „Anonym“ im Hüttendorf und auf vielen Demonstratio­nen gegen die WAA sowie die Nachrüstung aktiv. Aufgrund ihrer Initiative und vielfachen Kon­takte zu anderen Gruppen kam es seinerzeit zum ersten internationalen Anti-WAA-Folkfesti­val, da sie mit vielen der – z.T. damals recht bekannten - Kollegen des Folkrevivals bekannt, ja oftmals befreundet waren. Es war vor allem Uli Otto, seinerzeit Mitbegründer der Formation, der die Texte der „Anonym“-Lieder gesammelt, die Zusammenstellung besorgt und die dies­bezüglichen Kommentare verfasst hat.

Zu den absoluten Top-Favoriten und Vorbildern der Regensburger Musiker von „Anonym“ gehörten nicht zuletzt die Freunde und Kollegen der renommierten Hamburger Deutsch­folk- und Musikkabarettgruppe „Liederjan“, die Mitte der 1970er Jahre aus den „Tramps & Hawkers“ hervorgegangen war. „Liederjan“ weist insofern eine sehr interessante Entwicklung auf, als sich aus einer ursprünglich „reinen Folkformation“ allmählich eine Musikkabarettgrup­pe herausbildete, nachdem die Musiker der Formation immer mehr eigene Lieder zu aktuel­len Themen zu schreiben begannen. So wirkte „Liederjan“ immer auch stilbildend sowie auf das Repertoire vieler bundesdeutscher Gruppen aber auch von Kollegen in der damaligen DDR. Die Kollegen von „Anonym“ aber auch anderer Gruppen haben sich immer wieder des Repertoires von „Liederjan“ bedient, um ihren Liederfundus zu erweitern Die „Liederjans“ ih­rerseits sahen es seinerzeit als Ehre und Verpflichtung an, Anfang Mai 1986 nach Wackersdorf zu kommen und am Festival teilzunehmen, wo ihr Auftritt zu einem unbestreitbaren Highlight des Festivals geriet, zumal Jörg Ermisch, Anselm Noffke und Rainer Prüss nicht bloß brillante Musiker waren, sondern es auch mit ihren lustigen Kommentaren zwischen den vorgestellten Liedern schafften, die Stimmung auf dem Höhepunkt zu halten und das Publikum zu amü­sieren und zu begeistern. Anselm, Jörg und Rainer zählten auch zu den bescheidensten und kollegialsten Musikern der damaligen Szene, die durch ihr unprätentiöses und bescheidenes Verhalten viele Kollegen als Freunde gewannen. Leider lagen uns keine „Live-Aufnahmen“ des damaligen Auftritts von „Liederjan“ vor, weswegen wir unsere Liedbeispiele von den da­maligen Tonträgern des Trios entnommen haben, um diese Lieder hier vorstellen zu können und einen Eindruck vom damaligen Repertoire der Gruppe zu vermitteln, zumal die Gruppe heute trotz ihres damaligen Einflusses und Vorbildcharakters - zumindest in Süddeutschland – leider wieder weitgehend unbekannt und vergessen ist. Daneben konnten wir auf eine Jubi­läums-DVD11 von „Liederjan“ zugreifen und einige der damaligen Lieder mit in die vorliegen­de Sammlung einfließen lassen. Sie zeigen und charakterisieren Live-Auftritte der Kollegen in jenen Jahren, die vorbildhaft für viele der damaligen Kollegen waren.

Auch einige Lieder von Hein und Oss Kröher, in den 1960er Jahren Mitbegründer der le­gendären Waldeck-Festivals und „Stammväter“ des deutschen Folkrevival ab Ende der 1960er Jahre/Anfang der 1970er Jahre, flossen zumindest mit Noten- und Schriftbild mit in unsere Liedzusammenstellung ein. Die Kröhers nahmen dankenswerterweise am 03./04. Mai eben­falls am „Folk-Festival gegen die WAA“ teil und weilten in den darauffolgenden Jahren mehr­fach auch im Schloss Wiesenfelden, einem damaligen Zentrum des Bund Naturschutz, wo sie Freundschaft mit Hubert und Beate Weinzierl geschlossen hatten. Auch die Kröhers und ihre Lieder dürfen hier also nicht unerwähnt bleiben.

Daneben wurden uns auch einige Live-Aufnahmen der damaligen Auftritte der „Liederbay­ern-Band“ sowie der „Mehlprimeln“ vor allem durch Helmut Köppl zugänglich gemacht, der die Auftritte dieser Gruppen seinerzeit mitschneiden konnte, diese Aufnahmen bei Durchsicht seiner Materialien im Herbst 2013 fand und für unsere Zwecke zur Verfügung stellte. War die niederbayerische „Liederbayern-Band“ eine eher kurzzeitig existierende Formation, zählen die „Mehlprimeln“ zu den ältesten Folkformationen Bayern, die zahllose Kollegen beeinflusst haben und durch ihre Auftritte mit Dieter Hildebrandt und anderen Kabarettisten auch einen überregionalen Bekanntheitsgrad erlangten. Unseres Wissen sind die „Mehlprimeln“ – und dies übrigens wie „Liederjan“ – auch heute noch aktiv.